Wissenswertes

Stressig: ein Leben im „Flummi-Modus“

Auszug aus: http://www.urbia.de/magazin/gesundheit/kinder/entspannung-fuer-kinder

Sind Kinder oft unruhig und ungeduldig, nennt man das im besten Falle lebhaft, im schlechtesten hyperaktiv. Zunehmend viele kleine Hummeln sind aber weder „nur“ agil noch echte „Zappelphilippe“. Ihre Ruhelosigkeit und Konzentrationsprobleme resultieren nach Meinung zahlreicher Kinderexperten vor allem aus den modernen Lebensumständen: Hektik und Effizienz, Technik und Produktivität, Leistungsdruck und mediale Reizüberflutung. Diese Faktoren bestimmen unseren Alltag, auch den der Kinder, schon im Kindergarten und erst recht in der Schule. Selbst ihre Freizeit ist von Terminen und dem ständigen Blick zur Uhr gekennzeichnet. Die vielen anregenden Impulse sorgen dafür, dass ständig der Sympathikus Dienst hat. Das ist der Teil des menschlichen Nervensystems, der Blutdruck und Herz antreibt, um uns für Aktivität und Leistung auf Trab zu bringen.

Derartig gestresst und unter Strom merken sie kaum noch, wann sie eine Pause brauchen und können die innere Erregung schließlich auch nicht mehr regulieren. Stillsitzen, aufmerksam sein und einschlafen fallen immer schwerer.

Warum ist Entspannung wichtig?

Dafür muss im Nervensystem erst der Parasympathikus das Zepter übernehmen dürfen: Der „Ruhenerv“ sorgt für ruhigere Atmung, regelmäßigeren Herzschlag und lockere Muskeln – also für Entspannung. Die ist entscheidend für unsere Gesundheit, denn nur in diesem Zustand des „inneren Friedens“ können sich Körper, Geist und Seele so richtig regenerieren. Entspannung stärkt die Fähigkeit, sich auf einzelne Wahrnehmungen zu konzentrieren und lässt Raum, um Gefühlen und Gedanken nachzugehen und sich wortwörtlich zu besinnen. Das hat viele positive Wechselwirkungen: Wer sich selbst gut spürt und kennt, den werfen äußere Reize nicht so leicht aus der Bahn. Wer sich entspannen kann, ist ausgeglichener und optimistischer. Wer sich besser konzentrieren kann, ist kreativer und lernt leichter. Und zusätzlich kann es sogar positiv auf das Immunsystem wirken, wenn man sich regelmäßig entspannt.

Was hilft Kindern, besser zu entspannen?

Mit Entspannungstechniken – bestimmten körperlichen und geistigen Übungen sowie Formeln – lässt sich der Ruhenerv stimulieren und eine effektive Entspannung gezielt herbeiführen. Kinder und Jugendliche, die auf diese Weise lernen, ihre eigenen Bedürfnisse bewusst zu erspüren und sich vor einem Zuviel an Impulsen zu schützen, können besser mit Stress und Herausforderungen umgehen. Das ist für alle Kinder sinnvoll, sei es vorbeugend oder als Hilfsangebot, wenn Kinder unter übermäßiger Unruhe leiden. Allerdings, warnt die Kinderpsychologin Prof. Dr. Ulrike Petermann in ihrem Fantasiereisen-Klassiker „Die Kapitän-Nemo-Geschichten“, gibt es auch Kinder, bei denen Entspannungsübungen durch das ungewohnte Stillsein Ängste freisetzen oder eine noch stärkere Unruhe hervorrufen. Gerade bei hyperkinetischen Störungen muss deren genaue Ursache geklärt und sollten Verfahren erst behutsam getestet werden, rät Petermann. Vorsicht und Rücksprache mit einem Arzt seien zudem bei Erkrankungen von Magen-Darm und Herz-Kreislauf, bei Asthma, Epilepsie und bei Depressionen geboten.

Was sind die besten Entspannungstechniken für Kinder?

Damit Kinder bei Entspannungsübungen gut mitmachen, muss man eine möglichst spielerische Herangehensweise finden und ihre Interessen berücksichtigen“, weiß Doris Stöhr-Mäschl, Entspannungstherapeutin und Fachbuchautorin aus Regensburg. Von bekannten Methoden für Erwachsene wie dem Yoga, dem Autogenen Training, der Progressiven Muskelentspannung und den Fünf Tibetern wurden deshalb kindgerechte Varianten entwickelt. Welche Technik man für ein Kind wählt, hängt von mehreren Faktoren ab: „Wichtig ist, dass das Verfahren altersgerecht ist, zu den individuellen Möglichkeiten des Kindes passt und am besten auch den Eltern gefällt. Dann ist die Motivation höher, es regelmäßig zu üben, und das ist die Voraussetzung dafür, dass es effektiv wirkt“, so Stöhr-Mäschl. „Klassische“ Entspannungsverfahren kann man etwa in der Kindergartenzeit einführen.

Rückenwahrnehmungsspiele

Über liebevolle Berührungen bauen auch Rückenwahrnehmungsspiele Spannungen ab. Die Kombination aus Berühren und Erzählen schärft den Hauttastsinn und damit die Wahrnehmungsfähigkeit, fördert Konzentration und Aufmerksamkeit und regt die Fantasie an.

Muskelentspannung und Phantasiereisen

Echte Entspannung kann nur spürbar werden, wenn Kinder im Gegenzug auch viel Bewegung haben. Ausgleichendes Pendeln zwischen den Gegensätzen führt Kinder immer wieder zu ihrer Mitte zurück und hält ihr körperliches und geistiges Gleichgewicht aufrecht, betonen immer wieder Experten für Entspannung.

Progressive Muskelentspannung (PME): Hierbei werden Muskeln kurzzeitig bewusst stark angespannt – zum Beispiel in den Schultern, indem diese zu den Ohren gezogen werden, in den Füßen, indem man die Zehen spreizt oder im Bauch durch Einziehen. Wird die Anspannung plötzlich gelöst, sind die Muskeln danach lockerer als vor der Übung. Diese deutliche Entspannung signalisiert dem Parasympathikus: Du kannst übernehmen. So kommen in Kettenreaktion auch Geist und Seele zur Ruhe. Wie Yoga wird die PME auch von solchen Kindern gut angenommen, die mit Stillhalten sonst große Schwierigkeiten haben ist Meinung der Enstpannungstherapeuten.

Einen guten Abschluss für alle Körperübungen bieten Traum- bzw. Fantasiereisen, eine kindgerechte Variante des Autogenen Trainings (AT): Während die Kinder bequem liegen oder sitzen und entweder die Augen zu haben oder auf einen bestimmten Punkt schauen, erzählt man mit ruhiger, weicher Stimme angenehm langsam eine fantasievolle Geschichte mit glücklichem Ausgang, in der das Kind eine zentrale Rolle spielt. Dabei werden die entspannenden Formeln das ATs (ruhig sein, schwer sein, warm sein…) eingebaut. Im Anschluss mögen Kinder gern über ihre Erfahrungen sprechen oder vielleicht Bilder dazu malen, wodurch auch die Ausdrucksweise der Kinder geschult wird.

Wie lernen Kinder zu entspannen?

Setz Dich mal hin, wir entspannen jetzt: So einfach ist das leider nicht, nicht für Erwachsene und schon gar nicht für Kinder. Kinder müssen langsam und behutsam an regelmäßige Entspannungseinheiten herangeführt werden. Das geht nicht von heut auf morgen.

Die wichtigsten Tipps für entspannte Kinder im Überblick

 

  • Als Eltern Vorbild sein, bewusst auf mehr Ruhe im Alltag achten
  • Grundsätzlich Reize reduzieren, ob Medienkonsum, Spielzeugberge im Kinderzimmer, Angebote an Aktivitäten oder Verpflichtungen mit Terminen
  • Täglich auf einen ausgeglichenen Wechsel an Bewegung und Ruhe mit viel echter freier Zeit achten
  • Ein Gefühl dafür bekommen, wann Kinder eine Auszeit brauchen (werden unruhig, weinerlich, wirken erschöpft…) und ihnen die Pause ermöglichen statt sie mit neuen Impulsen zu füttern
  • Mit Entspannungsverfahren fürs Kind möglichst früh beginnen
  • Entspannungspausen – ob Körperübungen oder Kuschelzeiten – fest im Alltag verankern (z.B. als Rituale nach dem Heimkommen, vor den Hausaufgaben oder zum Einschlafen)
  • Übungen langsam und spielerisch, ohne Druck und Zwang einführen
  • Altersgerechte Methoden wählen, Interessen und Fähigkeiten berücksichtigen
  • Die Entspannungseinheiten stets erst nach einer Bewegungsphase (und nie direkt nach dem Essen) sanft einleiten